Foto: York Christoph Riccius

Romano

Von Kopf bis Fuß im Flow: Romano seziert auf Körper den Menschen in 12 Tracks

Knapp drei Jahre ist es her, dass uns der schöne General aus Köpenick mit Vulkano Romano (2023) sein Herz vor die Füße warf. Damals schoss der Mann für gewisse Stunden in einer Zeit voller Rest-Pandemie-Depression Armors Pfeil direkt in unsere Richtung mit der Botschaft: Zeit für Emotion. Die Welt ist seitdem nicht unbedingt besser geworden, und Romano antwortet auch nicht mit neuen Liebesbriefen. Stattdessen geht er auf seinem neuen Album Körper (Nonstop Pop Records) eine Etage tiefer, widmet zwölf Körperteilen jeweils einen eigenen Track und erinnert gleichzeitig an die Rap-Tugenden, wegen derer ihn seine Fans seit jeher feiern.

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Angetrieben von einer riesigen Scheiß-Rakete oder an den markanten Zöpfen hinfort getragen von zwei weißen Tauben, startet Romano auf Körper seine ganz persönliche Bestandsaufnahme. Von oben bis unten stellt er sich die Frage: Was ist da eigentlich dran an mir? Und wie passt das alles zusammen in diese Welt? Alteingesessene Fans des Paradiesvogels aus Ost-Berlin werden schon bei den ersten Takten spüren: Hier brennt’s! Fette Beats, sein unnachahmlicher Flow und diese frechen, zwischen Augenrollen und Augenzwinkern changierenden Zeilen. All das ist zurück. Weniger Schlager, mehr Sprechgesang, und das so kompromisslos wie nie zuvor. Romano tastet er sich durch Fleisch und Gefühl, Identität und Verletzlichkeit, Selbstwert und Fantasie. Mal drückt er brachial nach vorne, mal überrascht er mit Zurückgenommenheit. Das wird manch einem hier und da zu derb oder zu viel sein, andere wiederum werden ihn für die kongenialen Grenzüberschreitungen mit Herz und viel Humor feiern.

Doch am besten besprechen wir das mit dem Meister selbst und so trafen wir Romano vor ein paar Tagen inmitten der Vorbereitungen zur Körper Tour 2026 auf ein kleines Gespräch:

Romano, hol uns ab. Ein neues Album steht in den Startlöchern und auch die neue Tour ist nicht mehr weit weg. Was machst du gerade, vor allem mit deiner eigenen kleinen Plattenfirma?

Genau, da ist kein Major im Hintergrund und dementsprechend große Herausforderungen da. Das heißt, neben der Merch-Bestellung, die natürlich gemacht werden muss, geht es darum mit dem Grafiker über Designs zu sprechen. Wie soll das Cover aussehen, was werden wir für neue T-Shirts haben? Gleichzeitig geht es natürlich auch ins Presswerk und die Tourvorbereitungen.

Presswerk. Guter Punkt! Du bringst Körper auch als Tape herraus. Ein Novum für dich.

Ohja, richtig! Und da muss man auch ein bisschen gucken. Wie machen wir das? Ich habe ja noch nie Tapes gemacht. Obwohl ich seit meiner Kindheit Tapes höre. Das ist sooo interessant. Was nimmt man da für eine Länge? Was macht man in Freiräumen hinten? Das heißt, wenn das Album, sage ich mal, unter 30 Minuten ist, die Firma wollte uns eine 40-minütige Musik-MC geben. Da sage ich, 40 Minuten, da bist du ja trotzdem noch ewig am Spulen. Das ist also so eine Sache, die ich erst durch Learning by Doing herausfinde.

Steigen wir doch direkt in dein neues Album Körper ein.  Das letzte Mal als wir uns gesehen haben, ging es um die Liebe und um Emotionen. Und wer dich kennt, weiß, dass du immer sehr nah dran an den Menschen bist. Durch deine Shows, deine Radio-Sendung „Bei Anruf Romano“ und wie du dich auch jenseits der Bühne gibst. Aber wie kommen wir jetzt von großen Emotionen zum Körper an sich?

Ach du, das ist ohne große Planung entstanden. Das ist eigentlich das Schöne daran, dass es einfach in einem intuitiven Moment entstanden ist. Angefangen hat es mit dem Song Zunge. Ich finde das Wort „Zunge“ völlig absurd im Deutschen. Wie es geschriebeb ist und auch irgendwie verrückt mit dem Z… Insgesamt finde ich auch das Körperteil irgendwie spannend mit diesen ganzen Geschmacksknospen. Da habe ich mir einfach gedacht, ich schreib mal drauf los. Und habe dann so eine jugendlich naive Zunge mit einem leicht frivolen Einschlag erdacht. Dann habe ich mich mit meinem Produzenten getroffen und wir beide haben erkannt: Vielleicht macht man eine kleine EP mit vier, fünf Körperteilen. Und daraus wurde dann doch irgendwie ein Album. Also wenn die Tour später gewesen wäre und wenn ich mehr Zeit gehabt hätte und mein Produzent auch mehr einbinden hätte können, wären vielleicht noch die Organe dran gewesen. Die Leber zum Beispiel. Ich hätte jetzt keine reine Suff-Hymne gemacht, aber einen geilen Twist hätte ich schon eingebaut. Und so haben wir jetzt zwölf Songs bzw. zehn Songs und zwei Gedichte.

Das heißt, hier lag auch nichts auf Halde und die Songs sind taufrisch?

So zu sagen. Die sind nigelnagelneu und lagen nicht irgendwo rum. Auch die Produktion ist relativ neu. Die Leute, die das jetzt hören ab dem 20. Februar, können davon ausgehen, dass alles zwischen Sommer 2023 bis Herbst 2025 entstanden ist. Der vorletzte Song war dann auch Zöpfe, weil ich mir dachte, ich habe jetzt eine Menge Körperteile besprochen und dann fiel mir ein: Mensch, das Wichtigste hast du vergessen!

 Zu aller erst fällt auf, dass auf Körper wieder mehr gerappt wird. Die Beats gehen nach vorn, aber es gibt auch Gedichte bzw. fast schon Spoken-Word-Passagen und ein bisschen Märchen ist auch dabei. Ein Track wie Ohren wiederum ist fast schon eklig. Ein bisschen David Cronenberg-Style. Was waren deine Inspirationen? Wie bist du beim Schreiben vorgegangen?

Ich habe erst mal wie so ein Biologe oder wie ein Schullehrer, sechste Klasse Biologie, überlegt. Was gibt es für Körperteile? Was interessiert mich? Und was machen die Körperteile mit mir? Zum Beispiel Ohren. Die sind bei mir irgendwie passiv. Ohren können sich nicht wehren. Was wäre, wenn Ohren sprechen könnten? Vielleicht rutscht da mal wirklich ein „Halt‘s Maul!“ raus. Und dann auch dieses sich selbst aufs Korn nehmen… Ich hätte ja auch sagen können, die Außenwelt und alles ist schlimm, die Nachrichten, Social Media, alles schreit einen förmlich an. Aber natürlich bin ich es auch selbst, der seine eigenen Ohren tyrannisiert. Dieses absurde Spiel fand ich auch bei Augen ganz schön. Augen können übergriffig sein. Klar gibt es auch den zärtlichen Blick, aber ganz oft ist es dieses Bedrohliche. Wir beobachten Leute und werden beobachtet. Immer und überall.

 Auf jeden Fall hast du jedem Körperteil eine ganz eigene Betrachtungsweise spendiert. Sind die Beine auf Körper mit Blick auf die Welt ganz bewusst am Marschieren?

Das liegt vielleicht daran, dass mein Vater Sprengmeister und Pyrotechniker war. Leiter der Waffenkammer im Fernsehfunk der DDR damals. Und für mich als kleiner Junge war es immer spannend, ihn zu besuchen. Ich musste immer durch den Requisiten-Fundus und da lagen ja alle möglichen Husarenjacken, Ritterhelme und Säbel. Das war so eine Fantasiewelt. Ich fand auch Uniformen total interessant, sehe aber natürlich in all diesem Spielerischen auch das Fatale Gerade bei Beine spreche ich das an. Oder damals beim schönen General hatte ich es ja wirklich sehr spielerisch. Da sind die ganzen Orden dran und der Typ kokettiert auch mit seinem Ruf und seinem Rang. Aber hier ist es dann doch ein bisschen spezieller, weil ich auf Sachen eingehe, wie zum Beispiel Drohnen. Und natürlich diese neue Form von Robotersoldaten. Also wir kommen in eine ganz eigenartige Zukunft, wo ich auch das Gefühl habe, es läuft vielmehr wie ein Computerspiel mit Joystick ab. Da stehen sich nicht mehr zwei Heere gegenüber mit Ritterhelm und Schwert, sondern das wird anonymisierter. Und macht es dadurch auch noch viel einfacher zu Töten. Das finde ich fürchterlich. Deswegen auch: Hirn und Herz, sie braucht es nicht. Nur eine App zum Navigieren und zwei Beine, die marschieren.

Die App und KI haben wir ja schon auf dem Handy. Welcher Track hat dich bei allem Ernst aber am meisten zum Lachen gebracht?

Natürlich Penis. Ich hatte eine wirklich schöne Zeit damit. Ich habe mich hier richtig schön eingenistet, mir das ganz gemütlich gemacht und habe das Ding angefangen zu schreiben und es hat richtig Spaß gebracht.

Das hört man auch. Mein Favorit wäre jetzt Arsch gewesen.

Der hat mich auch sehr zum Lachen gebracht. Ich meine, Pippi-Kacka-Humor hin und her, aber ich finde, man kann auch mal doof sein. Und es hat einfach so einen Spaß gemacht. „Muss der klein? Nein, der muss groß!“ Diese ganzen Wortspiele sind einfach richtig schön doof und es war sehr befreiend die riesige Scheiß-Rakete angezogen vom Erdmagneten zu zünden. Musik soll ja auch Spaß machen und die Kunst, die ich mache. Es waren wirklich sehr unterhaltsame Momente mit mir allein beim Schreiben.

Du hast es schon erwähnt, das Album ist mehr oder weniger spontan aus dir herausgesprudelt. Wie blickst du dann jetzt auf das Album, wo es jetzt so schnell fertig wurde?

Im Entstehungsprozess ist man sich vieler Dinge meistens gar nicht so bewusst. Man macht Sachen und irgendwann fügen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen und am Ende blickt man drauf. Ich freue mich, dass es was Konsequentes geworden ist. Konsequent in der Form, wenn mir ein Refrain einfällt, dann schreibe ich einen. Wenn mir keiner einfällt, lassen wir ihn weg. Bei Nase hatte ich ungefähr das Achtfache an Text. Wir haben das so eingedampft, wo normalerweise jemand sagen würde: „Na mach doch noch eine zweite Strophe.“ Da waren wir recht konsequent und auch mit den Produktionen an sich. Ich bin sehr zufrieden, dass es einfach so entstanden ist, wie wir uns das gewünscht haben, ohne gefällig zu sein oder Leute überzeugen zu müssen, sondern einfach der Kunst, diesen Raum zu geben. Und das hat mich dann doch sehr gefreut. Das ist aber auch unter anderem der Regie von Siriusmo (Moritz Friedrich) geschuldet, der für mich auch ein unfassbar großartiger Musiker ist, Zeitgeist natürlich wahrnimmt, aber nicht probiert, irgendwie gefällig zu sein.

 Man hört definitiv eine andere Herangehensweise heraus.

Ich hatte auch einfach wieder Lust zu rappen. Diese Corona-Zeit war für mich sehr hart. Mein Vater ist kurz vor Corona gestorben. Da hatte ich ein halbes Jahr, wo ich mich fangen musste und Lust hatte, auch mal zu singen. Zu der Zeit war auch für mich Hip-Hop diese sehr, nicht überall, aber immer wieder, auftauchenden Plattitüden und Texte. Da habe ich mir gedacht: „Ist es denn eigentlich nur noch eine Jugendmusik? Ist es nur so, dass man das zum Partyfeiern und Weggehen hören kann?“ Dazu habe ich jetzt wieder einen neuen Zugang. Ich habe trotzdem weiter Hip-Hop gehört, gerade auch die 90er Jahre lassen mich nicht los. Aber in dem Fall war es so, dass ich wieder richtig Lust hatte und es dann auch irgendwie wieder gepasst hat.

Meine einzige Kritik wäre auch nur, dass das Album ein wenig zu kurz ist.

Wo du durchaus Recht hast. Das ist es wirklich. Eigentlich wäre eine Doppel-CD auch angebracht gewesen. Dafür hätte ich aber ein Jahr länger gebraucht. Dann hätten wir wirklich noch die Organe besprochen. Aber es ist jetzt einfach so passend in dem Tourgewand. Es ist knackig, es ist kurz, aber ich hoffe, die Menschen nehmen sich dafür trotzdem einen Moment Zeit. Ich glaube, dass es auch hier und da ein bisschen fordern kann, gerade diese Menge an Text.

Auf jeden Fall dürften sich die neuen Songs wunderbar in die Live-Setlist einfügen. Wie körperlich wird denn die kommende Tour? Die letzte bestach ja vor allem durch deine vielen Kostümwechsel.

Ich möchte natürlich auch die Konzertgäste in eine Welt entführen. Dieses Theaterding lässt mich nicht ganz los. Aber schön fände ich es, wenn es ein bisschen Richtung Labor geht. Dass den Leuten klar ist, sie kommen hin, ich bin noch nicht auf der Bühne, sie sehen aber, dass es in Richtung Körper geht. Ich bin gespannt, was ich da mit David, das ist übrigens der Bruder von Siriusmo auf die Beine stelle. David ist ein großartiger Künstler, der aus Leiterplatten, zum Beispiel Flyer baut, für Partys und diese verteilt. Oder Waschlappen als CD. Wirklich verrückte Ideen. Den würde ich gern wieder dabei haben. Aber ja, schön wäre es, wenn eine Welt entsteht, die die Leute mal für zwei Stunden rauszieht. Wie körperlich es wird? Lasst euch überraschen!

Wir freuen uns drauf!

Romano zerlegt den Menschen, nicht metaphorisch, sondern Track für Track. Auf Körper geht er runter bis auf die Knochen und liefert sein bisher mutigstes Album: dreckig, frech, mal zärtlich und absurd ehrlich. Ein Rundflug durch zwölf Körperteile und eine verdammt gute Frage: Was steckt da eigentlich alles in uns drin?

Am 17. März könnt ihr das in München selbst für euch herausfinden, denn dann begrüßt euch Romano wieder stilecht mit einem Klaps auf dem Po im Strom.


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