Lea Hermann – 30 Meter tief

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Manche Bücher erzählen eine Geschichte. Andere hinterlassen vor allem Bilder. Bei 30 Meter tief, dem zweiten Roman von Lea Hermann, sind es für mich vor allem diese Bilder, die bleiben. Eine Landschaft, eine bestimmte Stimmung, eine Szene, ein Moment zwischen zwei Menschen – die Beschreibungen sind so genau, dass man sie auch Tage später noch im Kopf hat.

Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzählt. Freundschaft, Familie, Liebe, Sexualität, Verlust, Geheimnisse und das Erwachsenwerden spielen dabei immer wieder eine Rolle. Große Lebensfragen sind also durchaus da, aber der Roman macht daraus kein großes Drama. Vieles wird leicht erzählt und wirkt gerade deshalb nahbar. Genau darin liegt etwas Universelles: Die konkreten Erfahrungen gehören den Figuren, die Gefühle dahinter kennt man aus dem eigenen Leben.

Dazu kommt die ungewöhnliche Zeitstruktur. Die Geschichte springt zwischen verschiedenen Jahren und Lebensphasen hin und her. Die verschiedenen Zeitsprünge sind mit Datum und Jahr versehen. Dadurch bekommt der Roman etwas Tagebuchartiges, wie beim Zurückblättern in alten Erinnerungen der Protagonistin. Man weiß manchmal schon, dass etwas passiert ist, bevor man versteht, warum es wichtig war. Trotzdem bleibt die Spannung. Leser:innen möchten weiterlesen, um die Lücken zu füllen und herauszufinden, wie alles zusammenhängt.

Erzählt wird in der ersten Person. So bleibt man sehr nah an der Hauptfigur Annina, die erstaunlich offen mit ihren Widersprüchen ist. Sie hat Angst, macht Fehler, bereut Dinge, versteht manche Situationen erst später. Dabei entsteht eine besondere Intimität: Man begleitet Annina bei ihrem Versuch, sich selbst und die Menschen um sie herum zu verstehen.

Auch die Natur wird sehr bildhaft beschrieben. Wälder, Landschaften und Orte bekommen eine eigene Atmosphäre. Manche Szenen wirken fast wie Filmsequenzen: ein bestimmtes Licht, eine Bewegung, ein Ort oder die Umgebung einer Begegnung. Die Bilder tragen einen Teil der Geschichte mit und geben einzelnen Momenten eine eigene Intensität.

Gerade die Verbindung aus Leichtigkeit und emotionaler Nähe macht den Roman für mich stark.
Auf der Reise der Erzählerin durch verschiedene Lebensphasen kann man auch eigene frühere Versionen von sich selbst wiedererkennen.

Eine kurze, sehr bildhafte Geschichte, die das Leben nicht erklären will, sondern zeigt, wie man mit verschiedenen Situationen umgeht und daran wächst. Gerade diese Verbindung aus Leichtigkeit und emotionaler Nähe macht den Roman für mich stark: Auf der Reise der Erzählerin durch verschiedene Lebensphasen kann man auch eigene frühere Versionen von sich selbst wiedererkennen. Und vielleicht ist genau das ein schöner Grund, dieses Buch zu lesen.


Lea Hermann – 30 Meter tief // Volk Verlag // 208 Seiten // 20 Euro // > Instagram